Idee & Konzept

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fra¿ment // die idee //

Die Idee zu ‘fra¿ment – einer ständig wachsenden Ausstellung in (über) 25 Zimmern’ entstand bei Stefan Winter im Rahmen seines Studiums (Fachrichtung ‘Human Development’). Inspiriert wurde er zum einen durch thematische Schwerpunkte in seinem Studium, zum anderen durch das seit zehn Jahren leerstehende Gebäude in der Wiclefstrasse 32 auf dem Campus der Reformationskirche. Starke Impulse setzten Viktor Frankls ‘Man’s  Search for Meaning’ und die damit aufgeworfene Frage nach der Wichtigkeit von Sinn im persönlichen Identitätsprojekt, sowie die veränderten Vorraussetzungen der Postmoderne, in deren Kontext diese Frage gegenwärtig gestellt wird.

Aus dieser Idee entstand durch den kollaborativen Austausch im Team (u. a. Annette Plaz, Marius van Hoogstraten, Tobias Horrer und Ulrike Flämig) Stück für Stück ein vollständiges Konzept:

fra¿ment // das konzept //

Zu Beginn stand der Gedanke im Raum, die Ausstellung in der Reformationskirche durchzuführen. Nach der ersten Besichtigung des sechsstöckigen Wohnhauses war jedoch klar, dass dieser Ort wesentlich geeigneter ist, um sich mit der oben aufgeworfenen Frage auseinander zu setzen. Das sanierungsbedürftige Gebäude ist im Gegensatz zum ganzheitlichen Charakter der Kirche selbst Fragment. Es bietet mit einer Vielzahl an Zimmern die Möglichkeit, das individualisierte Streben nach Authentizität, das dauerhaft Fragmentarische sowie den explosiven Pluralismus der Postmoderne mit aufzunehmen.

Peter L. Berger prägte den Begriff des “explosiven Pluralismus” und beschreibt damit die Pluralisierung von Lebensformen und Milieus in der Postmoderne. Der Einzelne erhält dadurch nicht nur die Möglichkeit der Wahl, sondern kann sich dieser nun auch nicht mehr entziehen. In Verbindung mit der Auflösung einer allumfassenden Meta-Erzählung und der Fragmentarisierung von Erfahrungen wird der Einzelne in einer postmodernen und multikulturellen Umgebung zum individualisierten Sinn-Bastler.

Genau diesen Punkt griff die Austellung fra¿ment auf und lud zuerst die Künstler, dann aber auch jeden Besucher ein, ganz persönlich nach Sinn und Bedeutung zu suchen. Somit versteht sich fra¿ment als ein Rechercheprojekt zur Konstruktion von Sinn in der Postmoderne. Jede Künstlerin gestaltete einen Raum. Jeder Kreative schaffte sein Fragment. Bruchstückhaft, subjektiv und individuell reihten sich diese geschaffenen Fragmente im leerstehenden Wohnhaus, sich teils ergänzend, teils widersprechend, aneinander und kreierten eine faszinierende Vielfalt.
Aufgrund ihrer physischen Nähe werden die einzelnen Bruchstücke einander ausgesetzt und die Frage, in wieweit und wiefern diese in Verbindung und Beziehung zueinander treten, rückt ebenso in den Fokus.

Diesem Konzept getreu stand für die kursorische Arbeit weniger die Geschichte und Herkunft der einzelnen Künstler im Vordergrund, als vielmehr deren Bereitschaft und Fähigkeit, sich auf einen Raum und ein Thema einzulassen. fra¿ment ist gerade in diesem Sinne kein klassischer Ausstellungsraum und weit weg vom ‘white cube gallery’-Gefühl. Der Ort an sich trägt sowohl die Sinn- und Bedeutungsfragmente der Vergangenheit, als auch die über sich hinausweisenden, durch den zukunftsgerichteten Möglichkeitssinn vielfältig vervollständigbaren Bruchstücke in sich selbst. Die im Moment geschaffenen Kunst mit all ihrer Bandbreite forciert die Frage, wie Sinn entsteht, wie dessen Gegenwart und Abwesenheit empfunden wird, und wie das individuelle Identitätsprojekt inmitten der Herausforderungen der postmodernen Gesellschaft gelingen kann.

Um die Interaktion zwischen den einzelnen Fragmenten zu fördern, war das Projekt nicht nur auf die bildenden Künste beschränkt: eine Vielzahl von Performances, Konzerten, Lyrik, Jamsessions und Theatervorstellungen belebte das fra¿ment und verband die einzelnen Fragmente miteinander.

In die Nachbarschaft integrierte sich das fra¿ment durch den offenen Sommergarten im Hof, der Raum bot für gemeinsame Abendessen, performatives Kaffeetrinken und lauschige Spätsommerabende im Kiez, und bei dem sich das Gesehene und Erlebte bei einem Glas Wein reflektieren ließ.

 

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